“I love my hair” — Moralische Unterstützung für Frauen mit Afros
1. November 2010| Tweet |
Irgendwann wurde es in den USA mal geäußert und durch stetige Wiederholung quasi zum Allgemeingut, dass “good hair”, gutes Haar also, glatt sein müsse, auf dass man es durch die Luft wirbeln könne und es sich — sicher auch verführerisch — bewegt, wenn man seinen Kopf zur Seite neigt. Das passiert mit dem lockigen Haar von Afrikanerinnen natürlich nicht, deren Kopfbewuchs auch als “Afro” bekannt ist.
Deshalb werden Tonnen von Produkten auf den Markt geschüttet, um diesen Frauen zu ermöglichen, ihren vermeintlichen “Makel” loszuwerden: Haarglätter und -stretcher, auf dass auch jede schwarze Frau ihre Locken auszwirbeln und zu einem “vollen Mitglied” der Gesellschaft werden könne.
“good hair” vs “bad hair”
Das ist natürlich erstens rassistischer Bullshit und zweitens hauptsächlich dem Bestreben geschuldet, dort einen Markt zu erschaffen und Geld abzugreifen, wo eigentlich gar kein Markt wäre. Wenn man denn nicht den Trägerinnen dieser Afros einredete, dass ihr Haar nicht “good”, sondern logischerweise dann “bad” sei.
Dem stellt sich nun ein Autor der Sesamstraße oder zu englisch Sesame Street entgegen, der selbst ein Mädchen aus Äthiopien adoptiert hat. Dies ist gerade mal 4 Jahre alt, begann aber seltsame Fragen zu stellen, nachdem sie begonnen hatte, mit blonden, langhaarigen Barbie-Puppen zu spielen. Warum sie denn selbst nicht so schönes Haar habe und dass sie nun auch blonde, lange Haare haben wolle.
Als Antwort auf ihre Fragen, aber auch für all die übrigen Frauen in der Welt, die sich mit diesem vermeintlichen Problem herumschlagen müssen, welches ihr Selbstvertrauen untergräbt und ihr Auftreten in der Öffentlichkeit schwieriger werden lässt, schrieb der Sesamstraßen-Autor nun diesen herzerweichenden Song, der natürlich von einer schwarzen Muppet-Puppe mit Afro gesungen wird und der in den USA äußerst populär wurde:
Sicher, es gibt größere Probleme im Zusammenhang mit Afrika — Rassismus, Unterernährung, Korruption, Bürgerkriege und all das weitere Elend verlangen dringendst nach Lösungen.
Dennoch ist das oben beschriebene Phänomen ein kleines, den meisten gar nicht (uns zum Beispiel auch nicht) bewusstes Mosaiksteinchen in der Unterdrückung und Ablehnung schwarzer Menschen, wenn sie sich in einer überwiegend weißen Gesellschaft bewegen. Und als ob Schwarze nicht schon ohnehin genug Ressentiments und Schwierigkeiten erfahren, sollte sich nicht ausgerechnet an der Konsistenz ihrer Haare auch noch ein Selbstvertrauensproblem entwickeln, welches in letzter Konsequenz ihre Problematik innerhalb einer sozialen Gesellschaft noch verschärft.
Nur unterschwelliger Rassismus, mit dem viel Geld zu verdienen ist
Das Video fand großen Anklang in den USA, auch und vor allem bei erwachsenen schwarzen Frauen, die sich dutzendweise bei dem Urheber des Songs meldeten und von ihrem eigenen Leid in Bezug auf die Erfahrung der Selbstwahrnehmung ihrer Frisur bzw. Haarkonsistenz berichteten.
Die Industrie, die den schwarzen Frauen mit Afro einredet, dass ihr Haar kein “good hair” sei, macht übrigens nicht weniger als 9 Milliarden (!) Dollar Umsatz pro Jahr mit Produkten extra für das Haar von schwarzen, bzw. afrikanischen Frauen. Klar, dass da viele Leute kein Interesse daran haben, dass sich die Wahrnehmung eines Afros bei Frauen ändert. Der Song aber tut sein kleines Scherflein zu einer Änderung bei.
Und wir denken mal wieder ein wenig mehr darüber nach, wie viele Situationen es gibt, in denen Andersartige sich mit ihrem Selbstvertrauen rumärgern müssen, nur weil sie einer vermeintlichen Norm nicht entsprechen.
Das könnte auch interessieren:
» Mali: Proteste gegen Übergangsregierung
» Mit Ben Stiller: "Madagascar 3" feiert Premiere in Cannes
» Wie verhält man sich im Restaurant in Südafrika?
» Suaheli Online-Wörterbuch
» Angola: Die größte Ölplattform der Welt
Schlagworte: Afro, bad hair, Barbie, Frauen, good hair, Musik, Sesamstraße, USA, Video





Danke für diesen ausführlichen Post. Schön, dass Du dieses Thema hier aufgegriffen hast.
Kommentar by Romy — 27. Januar 2011 @ 20:48