Libyen im Wandel — auf dem Weg nach Europa?
2. September 2010| Tweet |
Libyen muss sich von seinen Öleinnahmen emanzipieren und scheint inzwischen dazu auch bereit zu sein. Seit 2003 sind die Sanktionen der UNO aufgehoben, die den an vielen Stellen ärmlich wirkenden Staat vom Rest der Welt isolierten und im Innenleben keine wirkliche Entwicklung möglich machten. Obwohl es in Libyen gerade mal 6,3 Millionen Einwohner gibt, leben die Libyer oft weniger als schlicht: nur 400 bis 700 Euro verdient ein Libyer pro Monat.
Wohnungsbau boomt, doch mehr muss folgen
Doch der Wandel ist in Sicht: Inzwischen stehen in Libyen allerorten Baukräne. Der Wohnungsbau wird vorangetrieben, und ein Großprojekt ist dabei besonders beeindruckend. In der Nähe von Bengasi sollen etwa 10.000 chinesische Bauarbeiter insgesamt 20.000 Wohneinheiten schaffen, in denen schließlich 145.000 Libyer zu wesentlich besseren Konditionen als früher leben können. Bis 2020 sollen gar 500.000 Wohneinheiten entstehen. Was nichts anderes bedeuten würde, als dass jeder zweite Libyer eine neue Wohnung hätte.
Auch politisch ist die Annäherung an den Westen nicht zu übersehen, die meisten Konflikte sind wenn nicht gelöst, so doch wenigstens aufgeschoben oder unter den Teppich gekehrt. Atomwaffen sind kein Thema mehr, stattdessen muss das Land renoviert werden. Was bislang nur äußerlich geschieht, wenn die Wohnungen einmal fertig sind, muss aber auch innerlich passieren: Jeder zweite Erwachsene Libyer ist Beamter und somit beim Staat angestellt. Dass ein Land mit einer solchen Verteilung der Arbeitskräfte kaum Kreativität und Innovation entwickelt, liegt nahezu auf der Hand.
Flüchtlingsstrom von Libyen nach Europa ungebrochen
Doch es sind nicht die Libyer allein, die sich eine bessere wirtschaftliche Lage wünschen. Denn auf der anderen Seite steht Europa, welches ebenfalls ein Interesse daran hat, dass es Libyen endlich wirtschaftlich besser geht. Dafür ist Europa sogar bereit, spürbare Summen an Geld zu investieren. Es geht dabei um die Problematik der vielen Flüchtlinge aus Libyen, aus ganz Nordafrika, nach Europa — und dies auf illegale Weise. In letzter Zeit vermehren sich die Anzeichen, dass Gaddafi auch in dieser Frage näher mit der EU kooperieren will. Bei seinem Besuch zuletzt in Rom stellte er aber wieder mal ganz typisch Gaddafi zunächst vollkommen weltfremde Forderungen auf, nämlich dass die EU Libyen jährlich 5 Milliarden (!) Euro jährlich zahlen solle, damit Libyen dafür sorge, dass der Flüchtlingsstrom abreiße.
Aber so ist das bei Verhandlungen, einer steigt ganz oben ein und der andere ganz unten, und so lange nur die Bereitschaft da ist, sich zu einigen, wird es auch zu einer diesbezüglichen Einigung kommen. Alleine steht Gaddafi allerdings nicht mit seiner Forderung. Auch andere afrikanische Staatschefs haben sich schon dergestalt geäußert, dass sie “ohne fremde Hilfe” der Flüchtlingsproblematik nicht Herr werden würden. Doch immerhin kommen beide Seiten jetzt näher aufeinander zu.
Das könnte auch interessieren:
» Nigeria: Anschläge von Islamisten gehen weiter
» Somalia: Hungersnot laut UN beendet
» Afrika: TV-Markt wächst und lockt Interessenten
» Browsergame: Afrika-Tetris
» Chinesen in Afrika
Schlagworte: Atomwaffen, Beamte, Bengasi, Europa, Flüchtlinge, Gaddafi, Libyen, Nordafrika, Tripolis, Wohnungsbau




