Christoph Schlingensiefs Opernhaus in Burkina Faso
26. August 2010| Tweet |
Welche Beweggründe ihn zu dieser Idee geführt haben, verriet Schlingensief im Interview mit der NZZ. Dass er bereits 1996 einen Film über bzw. in Simbabwe gedreht hatte, “United Trash”, ist sicher nicht ganz so bekannt wie seine vielen Aktionen im deutschsprachigen Raum, zur Politik, gegen Ausländerfeindlichkeit, gegen Nazis. Zu jener Zeit sei der Vater seiner damaligen Freundin aus dem Land geworfen worden, weil er Missionarspriester war, und weil Mugabes Schergen auf dem Höhepunkt ihrer Macht waren, seien zudem alle Weißen zu Rassisten erklärt worden, Schlingensief selbst sogar einmal verhaftet worden.
Trotz aller Bemühungen, seinen Traum auch mit einer Krebserkrankung zu realisieren, bleibt uns als sympathische und empfehlenswerte Herangehensweise an sein Wirken in Burkina Faso in Erinnerung, dass er ausdrücklich klarstellt, dass er damit “kein Afrikaner werden” wolle und das ihm “Trommelkurse sowieso nicht liegen”. Er hatte trotzdem Respekt und er hatte den Wunsch, mit seinem Operndorf etwas Positives nach Burkina Faso zu bringen. Was ihm wohl gelungen ist, denn eröffnet wurde es noch vor seinem Tode. Und obwohl ihm die Ärzte vom Fliegen abgeraten hatten, stand er auch noch bei der Eröffnung des Operndorfes in Burkina Faso auf der Bühne.
Alle möglichen Diskussionen, ob es denn sinnvoll sei, in einem der ärmsten Länder der Erde, mit einer Analphabetenrate von beinahe 80%, ausgerechnet ein Opernhaus zu bauen statt vielleicht für Alphabetisierung und bessere medizinische Versorgung zu kämpfen, prallten an Schlingensief ab. Denn er war nicht nur wie stets beseelt von einmal gefassten Plänen, sondern auch frei davon, Gutmenschentum zu verbreiten.
Nun hat Burkina Faso sein Opernhaus, ein ganzes Dorf sogar. Doch der Initiator und Gründer ist leider tot. Nicht nur Deutschland verliert damit einen seiner bedeutendsten Kulturschaffenden seit dem zweiten Weltkrieg, auch ganz Afrika verliert einem ihm zugewandten Unterstützer, der die Balance zwischen großem Interesse und Anbiederei vorzüglich zu meistern verstand. Das war eben Christoph Schlingensiefs Art, die ihn über die Landesgrenzen hinaus zu einem der Großen seiner Zunft gemacht hat, wobei niemand genau definieren könnte, was denn eigentlich die Zunft des einstmals als Filmemacher gestarteten multi-aktiven Künstlers war.
Dazu am Rande noch eine Bemerkung, die Schlingensiefs Respekt vor der Lebensart und -mentalität in Burkina Faso unterstreicht:
Wir hatten aber das Gefühl, dass wir vor den Leuten aus Burkina Faso, die trotz allem wie auf Knopfdruck anwesend waren, nicht unsere deutsche Larmoyanz ausfahren konnten, zumal sie in ihrem Leben alle schon Katastrophen erlebt haben, die uns wahrscheinlich umgebracht hätten. Wenn bei denen die Häuser wegschwimmen, bauen sie einfach neue, während bei einem Hochwasser in Brandenburg gleich alle Politiker in Gummistiefeln unterwegs sind und man den Eindruck hat, ganz Deutschland gehe gerade unter.
Weitere Links zum Thema sind das Blog zum Festspielhaus Afrika, auf dem immer noch Schlingensiefs Antlitz um Unterstützung für dieses Projekt wirbt und ein Beitrag auf Schlingensiefs eigenem Blog, in dem der Architekt Francis Kéré, der aus Burkina Faso stammt, von den Planungen zur Erbauung des Opernhauses berichtet. Und auch nochmal ein erläuternder Beitrag zum Operndorf in der Frankfurter Rundschau.
Das Schlusswort muss wohl ein Satz aus einem Beitrag von Spiegel Online zu Schlingensiefs Tod bilden, in dem Schlingensiefs Botschaft noch einmal auf den Punkt gebracht wird:
Die Erdbewohner könnten einander nicht mal helfen, der Liebende nicht seinem Geliebten und der Europäer nicht dem Afrikaner.
Wollen wir hoffen, dass er Unrecht hat.
photo credit: Axel Schwenke
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Schlagworte: Christoph Schlingensief, Europa, Kulturschaffender, Operndorf, Opernhaus





Ein Opernhaus hat C.S. nicht eingeweiht. Das war eine erste anfängliche Idee. Die praktikable Idee ist das sogenannte “Operndorf”, eine Art Kulturzentrum für die Anwohner, indem z.B. die Kinder freie Möglichkeiten bekommen, Video/Filmen kennenzulernen. Gästezimmer, Krankenstation, etc. sind geplant. Erste Fundamente sind gebaut. Unterstützung durch Spenden ist noch wichtig.
Kommentar by operndorf — 26. August 2010 @ 12:41
[...] Christoph Schlingensief, in Burkina Faso ein Opernhaus zu errichten, hatte touring-afrika.de früher schon berichtet, jetzt gibt es Neues zum Stand der Dinge auf dem westafrikanischen [...]
Pingback by Fortschritte bei Schlingensiefs Opernhaus | Touring-Afrika: Afrika Blog — 18. Februar 2011 @ 09:02