Ausschreitungen nach Ägypten — Algerien
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Ausschreitungen nach Ägypten — Algerien

18. November 2009

80.000 Zuschauer im Cairo International Stadium schrieen ihre Mannschaft zum Sieg gegen Algerien.

80.000 Zuschauer im Cairo International Stadium schrieen ihre Mannschaft zum Sieg gegen Algerien.

Algerien und Ägypten sind zwei arabische Nationen. In diesem Fall sollte man annehmen, dass sie eine bessere, innigere oder zumindest nähere Beziehung zueinander führen als eines der beiden Länder mit einem schwarzafrikanischen Kontinentskollegen wie zum Beispiel Nigeria oder Kamerun. Dem ist aber mitnichten so, und das, obwohl Ägypten einst, damals schon seit Langem (seit 1922 um genau zu sein) unabhängige Nation, fleißig mithalf, Algerien vom Joch der Franzosen zu befreien. Mehr als nur ein Steigbügelhalter auf dem Weg in Algeriens Unabhängigkeit, lieferte Ägypten doch sowohl logistische als auch personelle Hilfe für Algeriens Kampf.

Und so war es auch zunächst so, dass die beiden “Brüderstaaten” beste Beziehungen zueinander pflegten.

Ein erstes Abkühlen dieser Beziehungen fand statt, als Algerien sich mehr und mehr dem Sozialismus zuwand, während Ägypten traditionell dem Kapitalismus zugeneigt ist. Als dann auch noch die Ägypter einen in Algerien abgesetzten pro-ägyptischen Staatschef gewaltsam befreiten, war es endgültig aus mit der Freundschaft.

Dies machte sich nicht nur in kulturellen Beziehungen bemerkbar, sondern auch und wie so häufig auch an anderen Orten der Welt im Sport.

Als Ägypten Algerien bei der Qualifikation für die Olympischen Spiele 1984 schlug und somit Algeriens Teilnahme verhinderte, witterte man in Algerien bereits dunkle Machenschaften, die zu diesem Ergebnis geführt hätten. Es kam zu Schlägereien der Spieler untereinander, angeblich hatte ein Algerier einem ägyptischen Mannschaftsarzt dabei mit einer abgebrochenen Flasche ein Auge ausgestochen. Und auch zur WM 1990 bezwang Ägypten Algerien und nahm an deren Stelle an den Titelkämpfen in Italien teil.

Aufgeheizte Stimmung mündet in Hetzjagden

Vor dem jetzigen Duell hatten Karikaturen in algerischen Zeitungen, aufpeitschende Stimmen der Religionsführer in Ägypten und weitere Anstachelungen in Bezug auf unlautere Tricks des jeweiligen Gegenübers zu einer bedrohlichen Stimmung geführt, die sich schon vor Anpfiff in gewaltsamen Ausschreitungen Bahn brach. Der Bus der algerischen Mannschaft wurde attackiert, angeblich habe die ägyptische Polizei dabei weggeschaut. Die Fenster wurden eingeworfen, insgesamt fünf algerische Spieler verletzt. Zwei von ihnen liefen später im Stadion mit deutlich sichtbaren Kopfverletzungen auf.

Der algerische Verband forderte im Vorfeld der Partie eine Bestrafung der Ägypter, eine Zuerkennung des Sieges und schließlich damit die direkte Qualifikation für die WM in Südafrika.

Doch der Fahrer des Busses war in Wahrheit ein ägyptischer Polizist in zivil, der auf Video aufgezeichnet hatte, wie die Algerier selbst von innen die Fenster mit dem Nothammer zerstörten. Woher die Wunden an den Köpfen stammten, war damit aber nicht geklärt.

6 Minuten Nachspielzeit bringen das entscheidende Tor

80.000 Zuschauer machten danach im Stadion von Kairo ein Spektakel, das sich gewaschen hatte. Vielleicht auch unter dem Eindruck dieser mörderischen Kulisse ließ der Schiedsrichter 6 Minuten lang nachspielen, eine im Fußball ungewöhnlich lange Zeit. Denn Ägypten benötigte noch einen Treffer, um den für das Erreichen des Entscheidungsspiel hinreichende 2:0 zu erzielen. Ägypten war bereits in der 4. Spielminute in Führung gegangen, konnte dann aber trotz einiger guter Chancen nicht nachlegen.

Im algerischen Fernsehen wähnte man sich schon am Ziel, eine 0:1-Niederlage hätte aufgrund der besseren Tordifferenz ausgereicht, und die algerischen Reporter waren nicht im Bilde, wie lange noch nachzuspielen sei. Schließlich gelang Ägypten noch der Treffer zum 2:0, danach brachen alle Dämme. Kairo war für eine Nacht lang lahmgelegt, die wenigsten erschienen am nächsten Morgen zur Arbeit. Es wurde Jagd gemacht auf die algerischen Fans, diese wurden brutal verprügelt, bespuckt und bejohlt, 32 Verletzte mussten in die Krankenhäuser. Zum Glück konnten die meisten diese nach einer Nacht wieder verlassen.

Falsche Berichte von Toten nach dem Spiel

Doch die Medien in Algerien berichteten von vier algerischen Toten in dieser Nacht, was Ägypten sofort dementierte. Zu spät für die erregte Schar in Algerien. Dort wurde ein ganzes Stadtvietel, in dem hauptsächlich ägyptische Zuwanderer leben, dem Erdboden gleich gemacht, selbst ägyptische Familien mit Kindern wurden durch die Straßen gejagt, viele Ägypter flohen noch in der selben Nacht mit dem Flugzeug in die Heimat.

Nun steht das Rückspiel im Sudan an, heute Abend wird es live übertragen, und angesichts der Bilder aus Ägypten und Algerien ist es tatsächlich das Beste, dass diese Partie auf einem neutralen Boden ausgetragen wird.

Die algerische Regierung kaufte bereits alle für Algerien zur Verfügung stehende Tickets und verteilte sie kostenlos an algerische Fans, die Charterflüge von Algerien in den Sudan werden subventioniert, auf dass das algerische Team auf jeden Fall die nötige Unterstützung erhält. Auch aus Ägypten werden zahlreiche Reisebusse und Charterflüge erwartet, mit ebenso heißspornigen Fans an Bord.

15.000 Polizisten im Sudan

Im Sudan weiß man, was auf das Land zukommt. Nicht weniger als 15.000 Polizisten werden im Einsatz sein, und somit im Schnitt 2 Fans von 1 Polizisten beaufsichtigt werden. Bleibt zu hoffen, dass Verlierer und Gewinner (denn eine Entscheidung wird in jedem Falle heute Abend gefällt, notfalls im Elfmeterschießen) sich auch nach dem Spiel anders verhalten als zuletzt in Kairo.

Denn Fußball ist und bleibt nichts als ein Spiel. Wenn solche nationalen Rivalitäten wie zwischen Algerien und Ägypten ins selbige kommen, gerät diese Erkenntnis traurigerweise oft aus dem Blick.

Creative Commons License photo credit: gr33ndata


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