Wer steht in Südafrika im deutschen Tor?
11. August 2009| Tweet |
An guten Torhütern hat es in Deutschland noch nie gemangelt, zumindest seit dem Krieg nicht. Oft war es so, dass ein Torhüter eine ganze Ära bestritten hat. Sepp Maier, Harald “Toni” Schumacher, so halb zumindest gilt das auch für Andy Köpke und Oliver Kahn. Auch wenn deren Zeit jeweils kurz war, waren sie in dieser doch vollkommen unumstritten die jeweilige Nr. 1. Immer, wenn eine solche Ära zu Ende ging, stritten sich aber mehrere Nachfolger um das Erbe, bis sich einer durchgesetzt hatte und eine neue Ära begann. Dieser Zeitpunkt ist im deutschen Fußballtor noch immer nicht gekommen, obwohl Jens Lehmanns letztes Spiel mit dem EM-Finale von 2008 nun schon 12 Monate her ist. Jogi Löw lässt seine Kandidaten im Tor bewusst im Unklaren, um sie zu Höchstleistungen unter Druck zu bewegen, aber auch, um niemanden zu verprellen und im schlimmsten Falle auf Leistungstiefs des einen oderen noch reagieren zu können. Wer sind nun die aktuellen Kandidaten für das Nationalmannschaftstor? Vier von ihnen sind besonders heiß im Rennen, haben unterschiedliche Stärken und Schwächen und natürlich auch ein unterschiedliches Standing in der Nationalmannschaft. Wir schauen uns diese Vier im Einzelnen an:
Manuel Neuer (FC Schalke 04, Jahrgang 1986, 192cm, 86kg, 1 Länderspiel)
“Das Gesicht von Schalke 04″ genannt, weil er aus der eigenen Jugend stammt, schon als kleiner Junge in der Schalker Fankurve stand und mit seiner herrlich unverbogenen Art, Interviews zu geben, vielen Schalker Anhängern aus dem Herzen spricht. Spielte bereits Champions League, mit einer herausragenden Partie gegen den FC Porto und ist im Sommer in Schweden U21-Europameister geworden. Macht das Spiel hervorragend schnell, ist ein herausragender Fußballer, starke Reflexe, stark im 1:1. Hat Schwächen in der Strafraumbeherrschung bzw. bei hohen Bällen, und ist immer mal wieder für einen Klops gut. Startet eher von Rang vier als von Rang drei in das Rennen um die Nr 1. Könnte auch gut Werbung für Kinderschokolade machen.
Robert Enke (Hannover 96, Jahrgang 1977, 185cm, 78kg, 7 Länderspiele)
Der erfahrenste und ausgeglichenste unter den Anwärtern für die Nr. 1 im Tor. Hat neben diversen Schicksalsschlägen auch in seiner Karriere schon Einiges mitgemacht. Spielte beim großen FC Barcelona, flog dort nach nur einem einzigen Fehler aber wieder aus dem Kader, landete in Istanbul, in der zweiten spanischen Liga und war sogar eine Zeitlang vereinslos. Ist nun seit längerer Zeit bei Hannover 96, wo er natürlich keine internationalen Spiele bestreitet. Sicher ein Nachteil, aber Erfahrung bringt Enke wie gesagt genug mit. Spiel äußerst unaufgeregt, spektakuläre Szenen sieht man selten, da er die Situation schon vorher zu lösen pflegt, wo andere Keeper sich sehenswert durch die Lüfte werfen. Hat eigentlich keine Schwächen abgesehen von seiner manchmal zu ruhigen Art. Hat zwar keine Hemmungen, in der Zeit auf dem Platz auch mal lauter zu werden, das ganz große Charisma geht ihm allerdings ab, welches auch mal den Gegner ein bisschen einschüchtern würde. So lange er so top hält, wie er es in den letzten zwei, drei Jahren tut, ist dies aber kein Problem. Startet eindeutig von der Pole Position in das Rennen um die Nr. 1 und sollte nach heutigem Ermessen auch das Turnier 2010 in Südafrika als erster Torwart bestreiten. Eine Ära wird er damit allerdings nicht mehr begründen, dafür ist auch er, trotz eines vorbildlichen Lebenswandels, bereits zu alt.
Tim Wiese (Werder Bremen, Jahrgang 1981, 193cm, 91kg, 1 Länderspiel)
Einst ein “grotesk aufgeblähter Kaspar aus dem Fitnessstudio”, wie eine große deutsche Zeitung mal schrieb, hat Tim Wiese die Zeichen der Zeit erkannt und merklich an seinen Schwächen gearbeitet. Ist deutlich geschmeidiger und weniger aufgebläht als noch vor kurzer Zeit und ist auch außerhalb des Platzes vom Großmaul zum Nicht-mehr-ganz-so-Großmaul gereift. Das war auch nötig, anderenfalls hätte er keine Chance gehabt, bei Löw auch nur als zweiter oder dritter Torwart mitzufahren. Auf dem Platz strahlt er trotz seiner Kur noch jene Dominanz aus, die Enke ein wenig vermissen lässt. Fachlich unzweifelhaft ein guter Torwart, aber nur an seltenen Tagen ein überragender Torwart. Zeigt selten Schwächen und hat seine Aussetzer aus frühen Europapokalzeiten abgelegt. Ein weiterer Vorteil für Tim Wiese: mit Werder Bremen spielt er seit Jahr und Tag Champions League und UEFA-Pokal. Irgendwo auf der Position zwischen 2 und 3 einzusortieren im Rennen um den Platz im Tor in Südafrika, mit aktuell deutlicher Tendenz in Richtung Platz 2.
René Adler (Bayer Leverkusen, Jahrgang 1985, 191cm, 83kg, 4 Länderspiele)
Schien zu Beginn der letzten Saison wie schon auf dem Siegerplätzchen, was dieses Torhüterrennen anging. Patzte dann ausgerechnet nach anderthalb Jahren ohne Fehler in seinem ersten Länderspiel, rappelte sich nach später folgender Verletzung wieder auf und liefert im Klub meist gut bis sehr gute Leistungen. Sein Nimbus, dass er keine Nerven zeigen würde, hat aber stark gelitten und nicht nur weil Bayer Leverkusen nicht international spielt, hat er zur Zeit ein wenig an Boden verloren. Ist ebenso wie Alters-Kollege Manuel Neuer sowohl fußballerisch als auf der Linie stark. René Adler hat, wenn man genau hinschaut, eigentlich keine Schwächen. Ihm fehlen neben Routine und Erfahrung aber auch ein wenig die Fürsprecher an den entscheidenden Stellen. Kann sich allerdings sicher als Kronprinz für die Zeit nach der WM 2010 in Südafrika fühlen. Im Moment wohl eher auf Platz 3 im Rennen, muss aufpassen, nicht noch von Manuel Neuer ausgebootet zu werden. Sonst schaut er die WM 2010 in Südafrika so wie die meisten Leute: zu Hause vorm Fernseher, denn bekanntlich kann Jogi Löw maximal 3 Torhüter für das WM-Turnier in Südafrika nominieren.
So ergibt sich aktuell wohl folgende Rangliste, auch wenn man das nie genau und offiziell erfahren wird:
1. Robert Enke
2,5. Tim Wiese
3. René Ader
4. Manuel Neuer
Das kann und wird sich im Laufe der Saison natürlich noch mal verschieben, zumal es da einen weiteren Kandidaten gibt, der bereits Erfahrung im Nationalmannschaftstor besitzt:
Timo Hildebrand (TSG Hoffenheim, Jahrgang 1979, 186cm, 79kg, 7 Länderspiele)
Ihn hat zur Zeit zwar niemand auf der Rechnung. Er könnte sich mit guten bis sehr guten bis herausragenden Leistungen aber noch ins Blickfeld des Bundestorwarttrainers Andy Köpke und des Bundestrainers Jogi Löw spielen. Das dürfte ihm bei seinem Klub, der TSG Hoffenheim, nicht allzu schwer fallen. Einerseits hat er kaum Druck, was die Mannschaften erreichen solle oder müsse, andererseits wird es nicht noch einmal eine solche Hinrunde wie die des letzten Jahres der TSG Hoffenheim geben. Sensationell, aber auch mit Sicherheit einzigartig. Das bedeutet: in häufiger knapp verlaufenden Spielen wird Timo Hildebrand ausreichend Gelegenheiten haben, sich auszuzeichnen. Im Moment hat der blonde Schönling noch die schlechteste Position aller fünf Torhüter, aber man hat schon des Öfteren erlebt, wie jemand im Schatten der Aufmerksamkeit aufblüht.
Dennoch: Zuerst wird der Kandidat für die Nr. 1 aus dem Kreis der oben vier Genannten kommen, und dort hat Robert Enke die Nase ein Stück weit vorn. Bis zu seiner nächsten Verletzung. Oder dem nächsten Formtief, worauf die anderen hoffen, was sie aber natürlich niemals zugeben würden.
Eines jedoch kann man sich im Torhüterland Deutschland sicher sein: Wer auch immer in Südafrika im Tor stehen wird, er wird seine Sache besser machen als die Torhüter der meisten anderen Teilnehmer-Nationen.
photo credit: Bjørn Giesenbauer
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Schlagworte: Andy Köpke, Bayer Leverkusen, EM 2008, EM-Finale, FC Schalke 04, Hannover 96, Harald Schumacher, Jens Lehmann, Jogi Löw, Manuel Neuer, Nationalmannschaft, Oliver Kahn, Rene Adler, Robert Enke, Sepp Maier, Tim Wiese, Timo Hildebrand, TSG Hoffenheim, Werder Bremen




