Warum keine WM in Ägypten?
10. Juli 2009| Tweet |
Fand die Abstimmung zur Ausrichtung der WM 2006 mit dem Sieger Deutschland (12:11 Stimmen, weil der neuseeländische Wahlberechtigte sich der Stimme enthielt) ein äußerst knappes Ergebnis gegen den anderen Kandidaten Südafrika, so war damit auch klar, dass es für 2010 nur afrikanische Bewerber geben würde. So entschied die FIFA. Vor der WM 2010 gab es im Grunde nur drei große Bewerber: Südafrika, Marokko und Ägypten.
Tunesien und Libyen hatten zunächst eine gemeinsame Bewerbung abgegeben. Nachdem klar wurde, dass die FIFA keine gemeinsamen Bewerbungen von zwei Ländern akzeptieren würde, zog Tunesien seine eigene Mitarbeit an dieser Bewerbung zurück und überließ Libyen das Feld. Auf fast schon groteske Weise schied dann auch Libyen aus dieser Bewerbungsrunde für die WM 2010 aus: Offiziell wurden bestimmte von der FIFA gestellte Anforderungen nicht erfüllt. Tatsächlich war der Grund, dass Libyen die Spieler Israels im Falle einer Qualifikation nicht als Teilnehmer hätte einreisen lassen. Wie man mit solch einer Politik überhaupt annehmen kann, bei einem Weltturnier als Ausrichter fungieren zu können, zeigt, wie weit die Verantwortlichen in manchen Ländern von der politischen Realität im 3. Jahrtausend nach Christus entfernt sind.
Mauerfall und Ende der Apartheid als Ausrichtungsgründe?
Es blieben also Marokko und Ägypten als Konkurrenten von Südafrika, dem im Vorfeld ohnehin die besten Chancen zugerechnet wurden. Unter anderem, auch wenn der Vergleich etwas an den Haaren herbeigezogen wirkt, weil man sich ähnlich wie Deutschland nach dem Fall der Mauer nach dem Ende der Apartheid als neue, vereinte Nation der Weltöffentlichkeit präsentieren wolle. Dass mit Nelson Mandela ein Mann von ganz besonderem Weltruhm der südafrikanischen Bewerbung seine Unterstützung zukommen ließ, wird ebenfalls keine unbedeutende Rolle gespielt haben.
Was aber ist mit Ägypten, das doch zum Einen als politisch gemäßigter islamischer Staat gilt und zum Anderen Jahr für Jahr etliche Touristen, auch aus Europa und den USA, anzieht? Welches im September die U20-WM ausrichten wird, selbst eine recht erfolgreiche Nationalmannschaft stellt und abgesehen vom Riesenmoloch Kairo eine bessere Verkehrssituation vorweisen kann als Südafrika?
Vitamin B auch bei der Bewerbung nötig
Marokko, das traditionell eine starke Anbindung an Frankreich besitzt sowie auch in manchen Bereichen gute Kontakte zu Spanien, hatte in deren beiden Fußball-Verbänden gewichtige Fürsprecher bei der Auswahl der Ausrichter für die WM 2010. Südafrika hatte, man litt wohl unter einem gewissen Schuldgefühl nach der knappen Niederlage bei der Abstimmung für die WM 2006, in Deutschland und dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder (“Die WM gehört nach Südafrika”) einen der im Weltfußball bedeutendsten Fürsprecher (mit Deutschland, nicht mit Gerhard Schröder). Auf ägyptischer Seite hingegen gab es niemanden (von Belang), der seine Unterstützung für eine Austragung der Weltmeisterschaft in Ägypten kund getan hätte.
So scheiterte Ägypten eher an der Konstellation als an einer nicht unbedingt ausreichenden Bewerbung. Natürlich ist die Sicherheit auch in Ägypten ein großes Thema, immer wieder liest man von Entführungen und Überfällen, denen Touristen zum Opfer fallen. Dennoch bewegen sich diese in einer gänzlich anderen Größenordnung als in Südafrika. Zudem verfügt Ägypten anders als Südafrika über eine schlagkräftige Armee und Polizei, die im eigenen Land bei Bedarf – mit welchen Mitteln auch immer – Ruhe schaffen kann.
Es lag wohl eher an den mangelnden Unterstützern, dass die WM nicht nach Ägypten ging. Dass diese einen nicht geringen Einfluss auf die Wahl hatten, sieht man am Endergebnis: Südafrika 14 Stimmen, Marokko 10 und Ägypten 0. So lange dieses Problem der fehlenden Unterstützung nicht gelöst ist, ergibt offensichtlich aus ägyptischer Sicht eine neuerliche Bewerbung für die WM 2018 und die WM 2022 keinen Sinn: Obwohl häufig als Kandidat für diese im Sandwichpaket vergebenen WM-Turniere im Gespräch, erfolgte bis zum Ablauf der Bewerbungsfrist keine Meldung Ägyptens. Sollte es je einen Nachfolger Südafrikas als afrikanisches Austragungsland einer WM geben, dann wird das auf absehbare Zeit nicht Ägypten sein.
Die Weltmeisterschaft muss noch ein wenig warten, ehe sie die Pyramiden von Gizeh und die Sphinx als Kulisse ihres Welt-Fußballfests wird nutzen können.
photo credit: johnkoetsier
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Schlagworte: Ägypten, Deutschland, FIFA, Frankreich, Gerhard Schröder, Libyen, Marokko, Sicherheit, Spanien, Südafrika, Tunesien, WM 2006, WM 2010, WM 2012, WM 2018




